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Planet ohne Visum

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Planet ohne Visum von Jean Malaquais

Roman

Jean Malaquais

aus unserem Bereich Politische Romane

Planet ohne Visum

Planet ohne Visum - Roman

Roman

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»Planet ohne Visum« ist zugleich Agententhriller und Milieustudie, ein packendes Epos der Menschen ohne Papiere, dessen elegante Sprache und stilistischen Reichtum Nadine Püschel meisterhaft ins Deutsche übertragen hat. 1947 in Frankreich erschienen, liegt der Roman erstmals in deutscher Übersetzung vor.


Marseille 1942, einige Monate vor der endgültigen Besetzung der Freien Zone durch die Deutschen. Der große Mittelmeerhafen quillt über von Menschen, die vor dem Krieg fliehen und auf die Überfahrt nach Amerika, in eine ungewisse Zukunft hoffen. Die Stadt ist wie eine Reuse, in der die Unerwünschten und vom Vichy-Regime Verfolgten zappeln und täglich versuchen, den Spitzeln und Denunzianten zu entwischen.

Fast dreißig Romanfiguren, deren Schicksale auf mehr oder weniger verhängnisvolle Weise miteinander verstrickt sind, lässt Malaquais auftreten: Flüchtlinge, Aktivisten der Résistance, Vertreter internationaler Hilfsorganisationen, Legionäre, Devisenschieber, Spitzel und Mitläufer aller Art. Zum Teil sind sie angelehnt an historische Figuren wie Victor Serge, Walter Benjamin und Varian Fry, der zahlreichen Verfolgten zur Ausreise verholfen hat - darunter Jean Malaquais selbst - und dem der Roman in der Figur des Aldous Smith ein Denkmal setzt.


Planet ohne Visum, Originaltitel: Planète sans visa. Übersetzt von Nadine Püschel. Gebunden mit Schutzumschlag, Edition Nautilus, September 2022, 664 S., 24.- €, ISBN 978-3-96054-294-0


Zum Autor: Jean Malaquais

Leseprobe: Planet ohne Visum (PDF, ~200 KB)

Normdaten (Planet ohne Visum): VIAF: | GND: 1256568791

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Planet ohne Visum - Roman - ISBN 9783960542940 (978-3-96054-294-0)


Gespräch mit der Übersetzerin Nadine Püschel über Jean Malaquais’ Roman Planet ohne Visum

Nadine PĂĽschel

Nadine PĂĽschel hat 'Planet ohne Visum' ĂĽbersetzt

© privat

Katharina Picandet: Die deutsche Editionsgeschichte dieses Romans ist bemerkenswert: 2013 hattest du uns Planet ohne Visum zur Übersetzung vorgeschlagen, zeitgleich kam auch eine Empfehlung des inzwischen verstorbenen Nautilus- Mitgründers Pierre Gallissaires für diesen Autor. Obwohl wir damals schon begeistert waren, haben wir es nicht gewagt: 800 Seiten einer so anspruchsvollen Übersetzung, das ist mit fairen Honoraren nur zu stemmen, wenn man richtig Geld übrig hat. Das hatten wir damals wie heute nicht, aber als das Programm »extensiv initiativ« von DÜF und Neustart Kultur aufgelegt wurde, haben wir die Schublade geöffnet und hatten die Bewerbungsunterlagen komplett beisammen. Wie aber bist du auf diesen Autor gestoßen?

Nadine Püschel: Ich war damals einige Wochen lang in Marseille und bin beim Stöbern im Buchladen ganz klassisch einfach am Titel hängen geblieben: Planet ohne Visum, das hat mich sofort angesprochen. Da mein Freund den »falschen« Pass hat, hatten wir das mühsame Spiel für seine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland gerade selbst durch, Interviews im Konsulat, eine mauernde Ausländerbehörde, das Damoklesschwert des Militärdiensts in seinem Heimatland … Außerdem war ich auf der Suche nach einem richtigen »Marseilleroman«, einem Schmöker, der nicht nur Krimi ist, und bei Malaquais bin ich da voll auf meine Kosten gekommen – er hat dem Marseille seiner Zeit wirklich ein literarisches Denkmal gesetzt wie Döblin damals Berlin und John Dos Passos New York. Die schönen und düsteren Seiten dieser Stadt und das Schöne und Düstere im Menschen, das ist in diesem Roman einfach meisterhaft erzählt.

Dass 1947 in Frankreich so ein Buch veröffentlicht wurde, obwohl die Franzosen darin ja eigentlich sehr schlecht wegkommen – das erstaunt mich doch; es hat vielleicht schon immer mutige Verlage gebraucht …

Ich denke, der Roman wurde damals durchaus mit Spannung erwartet, er spiegelte ja auch, was viele im »Kulturbetrieb« gerade selbst durchgemacht hatten, die Verzweiflung an der Auswanderungsbürokratie, die Entbehrungen des Alltags, die Konfrontation mit Ausländerhass, Mitläufertum, »Je-m’en-foutismus«, wie Lion Feuchtwanger es nannte. Was aber vielleicht auch der Grund war, weshalb das Buch in seiner Zeit kein größeres Publikum fand, so genau wollte man sich mit dem Vichy-Regime dann doch nicht befassen. Dabei hatte Jean Malaquais für seinen Debütroman Les Javanais 1939 den Prix Renaudot bekommen, André Gide förderte ihn nach Kräften, mit seiner Streitschrift Louis Aragon oder der professionelle Patriot war er in den politischen Debatten der Zeit sehr präsent – es wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass er sich als Autor etablieren kann. Stattdessen musste er sich, was ihn sehr empört hat, wegen seiner Einbürgerung mit den französischen Behörden herumschlagen, sollte unter anderem einen durchgehenden Wohnsitz vorweisen, und das, obwohl er in seiner ersten Zeit in Frankreich zeitweise unter Brücken geschlafen hat und als Staatenloser den »Drôle de guerre« in französischer Uniform mitmachen musste. Er ist tatsächlich nie französischer Staatsbürger geworden.

In vielen der Figuren sind reale Menschen zu erkennen, manchmal nur ein Teil der Biografie, manchmal sind sie recht eng am Original entlang geschrieben. Magst du ein paar Beispiele geben?

Eine zentrale Figur ist Varian Fry – Aldous J. Smith heißt er im Roman. Mit dem von ihm aufgebauten Emergency Rescue Committee hat er 1940 und 1941 fast 2.000 Menschen von Marseille aus zur Flucht oder Ausreise verholfen, legal und illegal, darunter Hannah Arendt, Marc Chagall, Marcel Duchamp, Siegfried Kracauer, Franz Werfel und unzähligen weiteren, auch Jean Malaquais selbst. Obwohl er als erster Amerikaner als »Gerechter unter den Völkern« geehrt wurde, ist seine Rolle bei der Rettung vieler Verfolgter lange nicht gewürdigt worden, da ist Malaquais’ fiktionales Porträt von ihm eine umso bemerkenswertere Ausnahme.

Auch zwei politischen Weggefährten hat Malaquais tragende Rollen zugewiesen: Victor Serge, als Ivan Stépanoff, und seinem Freund Marc Chirik, im Roman Marc Laverne.

Bis in die Randfiguren und Nebenepisoden hinein gibt es reale Vorbilder. In mehreren Zeitzeugenberichten habe ich beispielsweise von dem Fenstersturz einer jungen Polin bei der Judenrazzia in Marseille im August 1942 gelesen, das muss damals wirklich Stadtgespräch gewesen sein, und diesem Vorfall ist auch eine der – für mich – ergreifendsten Passagen im Roman gewidmet.

Was waren die größten Herausforderungen der Übersetzung? Was waren die schönsten Momente und Trouvaillen?

Beim Wort »Trouvaille« fällt mir direkt ein, wie ich über Substantiven wie »flicaille« und »prêtraille« gebrütet habe: Nehme ich »Priestergeschmeiß« oder doch etwas harmloser »Pfaffen«? Was mache ich mit den »Flics«, »Polente« geht irgendwie gar nicht mehr, auch wenn es zur Zeit passen würde, »Bullen« wollte ich auch nur sparsam verwenden … Also die Wortschatzarbeit war schon gewaltig, unfassbar, was Malaquais als Nicht-Muttersprachler für einen Ausdrucksreichtum hatte – das haben mir übrigens auch Franzosen der älteren Generation bestätigt, er benutzte viele sehr seltene Wörter, Slang, Fachbegriffe, kuriose idiomatische Wendungen … Ich habe die Sprache zwar behutsam modernisiert, wo sie für heutige Ohren zu manieriert klingen könnte, dafür bei Tucholsky, Fallada, Klemperer gelauscht, um im Bild zu bleiben, aber immer versucht, die Palette insgesamt zu erhalten, alle Register zu ziehen, alle Stile zu bedienen. Jean Malaquais konnte von Pathos bis Slapstick wirklich alles, das war harte Rollenarbeit, bis ich die jeweilige Figurensprache und den spezifischen Erzählton des Autors gefunden hatte. Aber wenn ich dann »drin« war, wenn der Text in mir zu schwingen anfing, das war schon sehr beglückend – oder auch verstörend, je nachdem.

Quelle: Edition Nautilus - Planet ohne Visum


Veranstaltungen zu 'Planet ohne Visum':

MĂĽnchen, Mittwoch, 26. Oktober, 20 Uhr

Im Rahmen der Reihe »Klassiker des Monats«

Jean Malaquais: »Planet ohne Visum«

Fabian Wolff im Gespräch mit Maryam Aras

Lesung: René Dumont

Veranstaltungsort: Literaturhaus MĂĽnchen, Bibliothek, Salvatorplatz 1

Eintritt: € 15,- / ermäßigt 10,-

Veranstalter: Stiftung Literaturhaus


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